Da ist Leben auf der Brache II

In Anlehnung an die erste Foto-Serie “Da ist Leben auf der Brache“, die vor über drei Jahren entstanden ist, hat die Schreibende kürzlich die Baustelle besucht um eine neue Momentaufnahme zu machen.


 

 

 

 

Mehr Kunst braucht keine Baustelle.

Mit gutem Gruss. Die Schreibende.

Es geht doch nichts über eine klare Rollenverteilung. Oder: simplify your life as a Journalist.

Heute hat die Schreibende von den Riklin Brüdern einen sehr umfangreichen Pressespiegel zugemailt bekommen. Das ist nichts Aussergewöhnliches, das geschieht die letzten Wochen immer mal wieder und war der Schreibenden nie wirklich einen Blogeintrag wert. Zu langweilig und triefend die Selbstbemitleidung der Künstler, zu schwarz-weiss die Rollenverteilung von gut und böse.

Der Artikel der NZZ, der heute Morgen um 5:30 (!?!?) online gestellt wurde, hat sie dann aber doch zum Schreiben veranlasst. Diese Christina Neuhaus, die sich da frühmorgens schon mit dem Trinkbrunnen befasst hat, muss den beiden Jungs ganz schön auf den Leim gegangen sein, wie’s scheint. Wenn man ihr feuriges Plädoyer über die beiden Künstler liest, fragt man sich fast schon, in welchen der beiden sie sich wohl verliebt hat (was allerdings vollkommen vernachlässigbar ist, da sie die beiden eh nicht wird auseinander halten können).

Der Artikel ist so einseitig geschrieben und ausgeleuchtet, dass man den Eindruck gewinnen könnte, sie sei mit dem Blöckli auf den Knien zwischen den “beiden grundsätzlich freundlichen Riklins” Frank und Patrik gehöcklet und hätte sich einen Pressetext diktieren lassen. Die Schreibende kann das mitfühlende Gesicht der Guten förmlich vor sich sehen, als die beiden “Sprösslinge einer äusserst musischen Professoren-Familie aus St. Gallen” ihr von der überaus traurigen Entwicklung der “liebenswürdigen Brunnenidee” erzählten. Es muss eine Mischung aus Adhäsion und Muttergefühlen gewesen sein, welche die Journalistin blind werden liess für den ellenlangen Mailwechsel zwischen der auftraggebenden Baugenossenschaft und den Künstlern, welcher dem “äusserst kühlen Schreiben, in dem ihnen auch gleich die Auflösung des Vertrags angeboten wurde” vorausgegangen war. Aber vielleicht hatte sie in der Aufregung auch nur einfach vergessen, danach zu fragen. Kann passieren.

Möglicherweise wusste sie auch einfach, wie man mit täubelnden Kindern umgeht, und hat die beiden liebevoll getröstet, weil sie im Innersten gespürt hat, dass die “beiden grundsätzlich freundlichen Riklins” furchtbar wütend sind, dass sie einfach vor vollendete Tatsache gestellt wurden“. Das ist natürlich auch hart, das versteht die Schreibende selbstredend. Sie hat es schliesslich auch nicht gern, wenn man ihr den Autoschlüssel aus der Hand nimmt, nur weil sie 2, 3 Flaschen Prosecco über den Durst getrunken hat. Ist aber auch wirklich gemein, so etwas.

Aber wie dem auch sei, so sieht es die Schreibende nun doch als ihre Pflicht an, Sie etwas aufzuklären, liebe Frau Neuhaus. Schliesslich haben Sie sich auch die Zeit genommen, den Blog der Schreibenden zu lesen, da will sich die Schreibende nun auch die Zeit nehmen, Ihnen etwas über die Hintergründe zu erzählen.

Sie interpretieren und analysieren zwischen den Zeilen, dass die Künstler mit ihrer “bestechend einfachen Idee eines Quartierbrunnens” bei der Kommission nicht durchdringen konnten, “worauf sie in wortreiche Erläuterungen verfielen.” Das genaue Gegenteil war aber der Fall: Die Kunstkommission verstand die “bestechend einfache Idee eines Quartierbrunnens” TROTZ der “wortreichen Erläuterungen“. (Was aber auch damit zu tun haben kann, dass ein Mitglied der Kunstkommission massgeblich an der Entwicklung der “liebenswürdigen Brunnenidee” beteiligt war. Die exakt gleiche “liebenswürdige Brunnenidee” wurde zu einem früheren Zeitpunkt bereits woanders eingereicht, aber nicht angenommen. Aber das wussten Sie sicher bereits; das haben der Frank und der Patrik Ihnen sicher anvertraut.)

Das Problem war also nicht das Verständnis der Idee, sondern vielmehr die Unfähigkeit zur transparenten Kommunikation der beiden Künstler. Wo die Kommission mehr Details haben wollte darüber, wie die Summe von CHF 400’000 in “künstlerischer Simplizität in Gestalt eines «hundsgewöhnlichen Selecta-Automaten» investiert, und was diese Intervention im grösseren Rahmen für das Quartier bedeuten würde, flüchteten die “Künstler-Zwillinge” schwadronierend in nichtssagende Worthülsen, anstatt Stellung zu beziehen. Da half auch die Bloggerin, die “um die Transparenz des Vorgehens zu gewähren und die den Evaluationsprozess von Anfang an verfolgte” engagiert wurde, nicht. Wo kein Inhalt war, war es auch der Schreibenden nicht möglich, einen zu erfinden. Endlos viele endlose Sitzungen lang wurde nur über eins geredet: ein hübsch verpacktes Nichts in Form einer hippen SUZ (Social Ürban Zone). Die beiden Künstler waren nicht imstande, eine Vision zu formulieren oder Klarheit über das Konzept hinter dem Brunnen zu vermitteln. Es wurde viel geredet und nichts gesagt.

“Ihre Idee einer «social urban zone» schien perfekt zu den Vorstellungen der Genossenschaft zu passen, die sich an den Idealen gemeinschaftlichen Wohnens orientiert“, klingt nach einem wunderbaren Werbeslogan, umgesetzt wurde dieser aber nicht. Die Genossenschaftsvertreter hatten mehrfach darauf hingewiesen, dass die Nachhaltigkeit ein sehr wichtiger Wert sei. Ob da Würste, Bier und Mineralwasser, das eigens für den Eröffnungsapero der “künstlerischen Simplizität in Gestalt eines «hundsgewöhnlichen Selecta-Automaten»im Ausland gekauft und herangekarrt wurde, dem Grundgedanken der umweltverträglichen Nachhaltigkeit entspricht, sei dahingestellt. “Die orangen Pappbecher, die extra für die Installation angefertigt worden waren” und die seither in Massen herumliegen und das ganze Quartier orange verfärben, sind es mit Sicherheit nicht. “Die Künstler hatten dem Apparat die Rolle eines Dorfbrunnens zugedacht. Hier sollten sich Alt und Jung treffen und kennenlernen. Das neue Quartier sollte so schon während seiner Entstehungsphase einen Ankerpunkt erhalten. Später sollte der Brunnen zu einer Reihe von künstlerischen Aktionen führen, welche die Bewohner miteinander verbindet.” Die Idee war ursprünglich, dass Alt und Jung mit der eigenen Tasse in der Hand kommen und gemeinsam einen Kaffee trinken würden. Daraus wurde ein Automat mit mannigfaltigem Angebot und “orangen Pappbechern, die extra für die Installation angefertigt worden waren”. Die Künstler hatten damit aus der “künstlerischen Simplizität in Gestalt eines «hundsgewöhnlichen Selecta-Automaten»” einen hundsgewöhnlichen Selecta-Automaten gemacht, ohne sich dessen bewusst zu sein. Die Kommission war sich dagegen bewusst und griff das Thema auf, die Künstler aber hatten keinerlei Argumente dafür.

Der Schreibenden kam es in den Sitzungen oft so vor, als hätte sie es mit zwei Kindern zu tun, die man viel zu lange machen lässt. “Das Geschäftsleitungsmitglied Peter Schmid, ein freundlicher Mann, der schon manchen Konflikt schlichten konnte” blieb auch dann noch geduldig und verhandlungsbereit, als der Schreibenden längst der Geduldsfaden gerissen wäre. Ebenso die Mitglieder der Kommission, die sich sehr lange um einen ergebnisorientierten Dialog bemühten, aber am selbstverliebten Monolog der Künstler scheiterten.

Mag sein, dass die beiden Künstler mit den parallel laufenden Projekten «Fliegen retten in Deppendorf», dem Klettern mit dem Präsidenten von Kleinstgemeinden zu einem «Gipfeltreffen» und mehr als 1000 Ostschweizer dazu zu bringen, für sie eine riesige Picknick-Decke zu nähen, mehr als gefordert waren und darob keine Zeit mehr hatten, dieses gut dotierte und von der Kunstkommission enthusiastisch begleitete Projekt der Genossenschaft «mehr als wohnen» mit dem gleichen Elan seriös anzugehen. Dann wäre es nach Meinung der Schreibenden nichts als fair gewesen, das angebotene Projekt mangels Kapazität dankend abzulehnen. Dass man ein 400’000 Franken-Mandat nicht gerne ablehnt, versteht sogar die Schreibende. Dass man es ohne jegliche Begeisterungsfähigkeit an die Pavillonwand fahren lässt, versteht sie aber leider nicht.

Selbstverständlich haben Sie, liebe Frau Neuhaus, von diesem fehlenden Enthusiasmus nichts mitbekommen. Daran sind Sie nicht schuld. Eine der am stärksten ausgeprägten Kernkompetenzen der Riklin-Brüder ist denn auch der Kontakt zu den Medien, wie der regelmässig eintreffende Pressespiegel der beiden beweist. Sobald eine Kamera oder zumindest ein Mikrofon in der Nähe ist, gelingt es den beiden, eloquent und gewinnend über ihre Ideen zu erzählen. Bei uns im Sitzungsraum war dagegen nie wirkliche Begeisterung zu spüren, von Faszination und Herzblut schon gar nichts. (Siehe Blogeinträge vom 4.1.12 / 8.2.12 / 28.3.13)

Es ist darum auch nicht ihre Schuld, dass Sie den beiden auf den Leim gekrochen sind. Das scheint allen zu passieren, die in den Kontakt mit den Riklin Brüdern kommen. So ist es mir ergangen und auch all Ihren Kollegen und Kolleginnen, die den beiden in den letzten Wochen vorgefertigte Sätze von den Lippen abgelesen und niedergeschrieben haben. Die beiden attraktiven Männer scheinen mit ihrem Zwillings-Sexappeal Männer wie Frauen für sich gewinnen zu können, und auch die Schreibende muss zugeben, dass die beiden gutes Bildmaterial abgeben. Ein gutaussehendes Brüderpaar, das Bürostühle auf dem Kopf balanciert, gehört nun mal auf jedes Titelblatt.

Dass es für ein so professionell begleitetes Projekt aber mehr braucht, als fotogene Gesichter und hübsch verpackte Phrasen, dürfte aber auch Ihnen bewusst sein. Ebenso, dass es nicht ganz so einfach sein kann, die Rollen von gut und böse zu verteilen.

Mit bestem Gruss von Bloggerin zu Journalistin.

P.S. Aber he, das mit den Velos ist wirklich uhuere gemein. Das wäre was für ein Exklusiv-Inti, Frau Neuhaus. Also jetzt nicht mit den handsome brothers, sondern mit den Velos natürlich. Könnte man sicher medienwirksam aufbereiten, die Riklins wüssten bestimmt wie.

(Dieser Text wurde von der Schreibenden auf Eigeninitiative hin und ohne Absprache mit der Baugenossenschaft oder den Künstlern verfasst. Hier niedergeschriebene Gedankengänge entspringen dem kritischen Hirn der Schreibenden und sind deren Interpretationen der beigewohnten Sitzungen.)

Da ist ein Trinkbrunnen in Leutschenbach. Ein Streifzug in Bildern.

Der Trinkbrunnen.

Der Test.

Die Wurst.

Das Brot.

Das Bier.

Die Musik.

Das Publikum.

Die Ansprache.

Die Presse.

Der Austausch.

Der Festzurrgurt.

Das Farbzugeständnis I.

Das Farbzugeständnis II.

Die Bodenhaftung.

Die Verpflegung.

Die Einschränkung.

Die Laune.

Der Becher I.

Der Becher II.

Der Becher III.

Der Becher IV.

Der Becher V.

Der Becher VI.

Der Becher VII.

Der Becher VIII.

 

Vertonte Gedanken zur Sitzung vom 26. März 2013

Anlässlich der letzten Sitzung vom 30. Oktober hatte sich die Jury von den beiden Künstlern Frank und Patrik Riklin eine Korrektur am Mind Setting, sowie tieferschürfende Informationen zum Gesamtkonzept SUZ (Social ürban Zone) gewünscht.

Doch es kam, wie es kommen musste. Das Mind Setting wurde zwar erwähnt, aber verändert hatte es sich nicht wirklich. Von Leidenschaft konnte die Schreibende wenig spüren, von Herzblut noch weniger. Die Schreibende hatte – einmal mehr – die grösste Mühe, ihre grosse Klappe zu halten, weil ihr blondes Hirn ohne Unterbruch redete und es für sie keine einfache Sache ist, so einen plappernden inneren Dialog unter Kontrolle zu halten.

Exklusiv und nur für diesen einen Blogeintrag gewährt die Schreibende einen Einblick in ihre gedankliche Debatte:

Die Künstler sagen: Also wir haben nun einen geeigneten Haustechniker gefunden, welcher den Trinkbrunnen einbauen wird. Er heisst Peter Meier und ist der Trainer des FC Schwamendingen, was wir sehr lustig finden.

Die Schreibende denkt: Ist ja spannend, wirklich. So so, Peter Meier heisst er also. Ungemein interessant. Hätte ja auch Karl Huber heissen können. Oder Peter Muster. Aber ausgerechnet Peter Meier. Heissen so nicht meistens die Pseudo-Klingelknöpfe, die den Briefträgern die Haustüre öffnen? Ist der Typ gar am Ende ein Pseudo-Türklingelknopf der sich als Haustechniker ausgibt? Kann es ein Zufall sein, dass ein Haustechniker ausgerechnet so heisst, wie der Pöstlerknopf oder verbirgt sich dahinter die feine Ironie eines ausgeklügelten Kopfes, der die Künstler und uns alle narren will?

Die Künstler sagen: Also der Brunnen wird dann so auf einer Schiene befestigt, damit er immer am gleichen Ort stehen bleibt. Und festgezurrt, mit einem Gurt. So einem Festzurrgurt, versteht ihr. Sonst rutscht der Brunnen. Aber mit der Schiene und dem Gurt steht er fest. Das mit dem Gurt haben wir uns überlegt, damit auch wirklich nichts verrückt.

Die Schreibende denkt: Verrückt? Ja, tatsächlich. So ein Gurt ist eine feine Sache. Man kann ja soviel befestigen mit so einem Gurt. Einen Brunnen zum Beispiel. Oder auch eine Hose, wenn man mal etwas an Gewicht verliert und die Hosen deswegen auch zu verlieren droht. Darum ist ein Gurt vermutlich eine naheliegende Lösung. Und auch praktisch. Weiss nicht, ob ich drauf gekommen wäre, auf die Gurt-Lösung. Vermutlich nicht. Kann gut sein, dass ich den Brunnen mit meiner Heissleimpistole festgeleimt hätte, was aber natürlich mittelfristig keine so gute Idee gewesen wäre, wie die mit dem Gurt. Schliesslich ist man froh, wenn man den Trinkbrunnen ab und an verschieben kann und das wird dann schwierig, wenn man ihn mit dem Heissleim an die Wand geklebt hätte. Und teuer obendrein. Schliesslich frisst so eine Pistole ja mehr Leimkapseln als ein Parkuhr Kleingeld an einem Samstag. Und jeder, der schon mal an einem Samstag in der Innenstadt geparkt hat, weiss, dass das nicht wenig ist. Drum bin ich jetzt wirklich froh, dass die beiden den Einfall mit dem Gurt hatten. Ob Hosenträger auch zur Debatte standen?

Die Künstler sagen: Es wird diverse Knöpfe geben. Besonders hübsche und je nachdem sogar beleuchtete!

Die Schreibende denkt: Wow! Leuchtknöpfe! Wenn das mal kein Geniestreich ist! Das Quartier wird ganz schön in Aufruhr kommen, wenn da auf einmal Leuchtknöpfe aus der Hauswand ragen. Wie die Vögel vom Schwamendinger Wald wohl auf diese Lichtverschmutzung reagieren werden? Und ob das Licht früher oder später blau sein wird, so wie jedes Licht in der Stadt Zürich früher oder später blau wird? Aber wie auch immer, die Knöpfe werden besonders gut aussehen. Das ist aber auch das mindeste. Schliesslich kriegen die beiden stattliche 400’000 Stutz, da kann man schon schöne Knöpfe erwarten. Also eigentlich sogar sehr sehr besonders schöne. Und beleuchtete auch. Wenn ich dran denke! 400’000 Franken! Dafür würde ich mir einen Fuss abhaken und aus den Zehenknochen Knöpfe schnitzen! Und für das Licht würde ich Glühwürmchen züchten, die darauf abgerichtet sind, erst zu leuchten, wenn sich jemand dem Trinkbrunnen nähert. (Aus Rücksicht auf die Vögel aus dem Schwamendinger Wald).

Die Künstler sagen: Also wir werden dann schon noch andere Sachen machen, aber das wollen wir jetzt noch nicht verraten. Es soll ja spannend bleiben mit unserer SUZ (Social ürban Zone).

Die Schreibende denkt: HA! Nichts verraten, damit es spannend bleibt. Ich wette, ihr habt noch keinen Blassen, was weiter gehen soll. Sonst müsstet ihr nicht so in Worthülsen und Nominalisierungen daherreden, dass man beinahe in eine hypnosegleiche Trance verfällt und einzuschlafen droht. Vielleicht wäre das eine Idee für die SUZ? Man könnte doch die Sitzungen aufnehmen (mache ich ja eh) und dann auf dem grossen Platz bequeme Liegen aufstellen und die Aufnahmen abspielen. So als Powernapping-Installation. Menschen aus der ganzen Schweiz, die an einer hartnäckigen Insomnie leiden, würden in Bussen hergekarrt und im Nullkommanix geheilt werden! Ob die Baugenossenschaft wohl Busparkplätze geplant hat und wie hält man die Busfahrer von der Installation fern, damit sich das Tunneldrama vom letzten Jahr nicht wiederholt? Vermutlich müsste die Installation von medizinischem Fachpersonal betreut werden oder aber der Kunstwirt müsste eine entsprechende Fortbildung absolvieren, das müsste man natürlich abklären, ich notier mir das zur Sicherheit mal, wer weiss?

Die Künstler sagen: blablabla

Die Schreibende denkt: Hätte ich vielleicht doch nicht die Wolford Strümpfe mit den Punkten kaufen sollen, sondern stattdessen die günstigeren vom Manor? Sind ja eigentlich auch ganz hübsch und weiss kommt auf meinen Beinen eh nicht so gut, weil weiss sind sie ja eh schon, das muss man ja nicht auch noch betonen. Und hoffentlich ist M/L nicht zu gross. Ist ja auch ein Fluch, dass ich mit meinen 172 cm und den 61,5 Kilo genau auf der Kippe zwischen S/M und M/L stehe. An der Hüfte reicht S/M ja in der Regel schon, aber die Beine sind dann halt meistens zu kurz. Aber wenn die Strümpfe zu gross sind sieht es auch scheisse aus. Dann wellt sich die Naht vorne auf dem Bauch so hässlich und das sieht man dann durch den Rock und könnte meinen, es sei eine Krampfader, die sich schnurgerade über meinen Bauch zieht. Obwohl ich jetzt gar nicht sicher weiss, ob es überhaupt Krampfadern am Bauch gibt, aber wer weiss das schon so genau. Es gibt schliesslich kaum etwas, was es nicht gibt! Warum sollte es da keine Krampfadern auf Bäuchen geben! Wär ja gelacht! Wenn aber die Beine zu kurz sind, dann verzieht sich das Muster so hässlich und dann wird aus härzigen kleinen Pünktli so hässliche lange Flären auf den Beinen. Vielleicht ist es doch besser, ich habe die Strumphose in M/L gekauft, weil dann doch noch lieber eine hässliche Naht auf dem Bauch als so Schlieren auf den Beinen. Lustig, dass ich verzogene Punkte als Schlieren bezeichne. Das hat der Ort eigentlich ja auch nicht verdient. Obwohl – vielleicht war er ja mal als rundes kleines Dorf angedacht und hat sich dann über die Jahre zu einem Schlieren entwickelt, könnte sein. Vielleicht ist es ja auch gar nichts negatives, so ein Schlieren. Aber auf den Beinen möchte ich es jetzt trotzdem nicht haben.

Was die Jurymitglieder während der Sitzung gedacht haben, entzieht sich leider der Erkenntnis der Schreibenden. Vielleicht wäre es hilfreich, deren Köpfe auch einmal zu vertonen.

 

 

Sitzung vom 30. Oktober 2012

Die Sitzung war inhaltlich praktisch identisch mit der Sitzung vom 11. September 2012. Dieses mal war die Kunstkommission komplett und auch die beiden Künstler sassen gemeinsam am Tisch. Die Stimmung war zu Beginn der Sitzung noch sehr harzig und auch die Diskussion drehte sich noch immer um den Selecta-Kaffeeautomaten und um die Sozial ürban Zone. Ein beherztes Eingreifen des Sitzungsleiters Peter Schmid konnte die Angelegenheit dann aber in die richtige Richtung lenken, und ein geplantes Fondue bei der Schreibenden wird dem Projekt noch den Rest geben. Es geht ums Mind Setting, weisch!

 

Sitzung vom 11. September 2012 / 14 Uhr bis 16.30 Uhr

Anwesend: Peter Schmid, Monika Sprecher, Philipp Meier, Sabine Frei, Anne Kaestle, Charlotte Tschumi, Frank Riklin und die Schreibende. (In der Sitzreihenfolge der Ohrfeige nach).

Diskutiert wurde (einmal mehr) die Umsetzbarkeit der Konzepts Social ürban Zone, kurz “SUZ”, welche als künstlerischer Eingriff ins neue Quartier von “mehr als Wohnen” gelten soll. Geplant ist ein ungewöhnlicher Trinkbrunnen von Selecta, welcher so in ein Gebäude eingebaut werden soll, dass man von ausserhalb des Hauses ein Getränk bestellen kann. Das Getränk soll gratis sein und Bedingung ist, dass man ein eigenes Trinkgefäss, eine Tasse oder einen Becher, dabeihat. Um diesen Automaten herum sollen Begegnungen stattfinden, welche die “SUZ” ausmachen.

Die Bandbreite der Ebenen, auf welchem das Projekt diskutiert wurde, reichte von “Ist es das für CHF 400’000.–?” bis “welche Getränke werden angeboten und gibt es mehrere Knöpfe am Automaten oder nur einen?” Thema war aber auch die Platzierung des Automaten. Da die beiden Künstler Frank und Patrik Riklin für die Phase II beauftragt sind, welche sich über den Zeitraum des Baus erstreckt, wird der Automat vorerst am Pavillon der Baugenossenschaft “Mehr als Wohnen” angebracht werden. Danach will man ihn umsiedeln an ein Gebäuse der Siedlung. Vorgeschlagen wurde das Gebäude L, welches sich am Rande der neuen Überbauung befindet, in der Nähe der Busstation ‘Kehrrichtverbrennung’. Diese würde man dabei gerne umbenennen, zB in den wohlklingenden Namen ‘ungewöhnlicher Trinkbrunnen’. Von Seiten der Baugenossenschaft wurde diese Platzierung als zu teuer eingestuft, da es sich um Gewerbefläche handelt, welche im m2-Preis höher ist, als Privatwohnfläche. Darum wurde danach über einen möglichen Standort gerätselt, welcher sich im Zentrum des neuen Quartiers, oder an dessen Peripherie befinden kann. Als Manifest könnte man sich eine Leuchtbeschriftung auf dem betreffenden Gebäude vorstellen, welches auch von ausserhalb der Siedlung gut sichtbar wäre.

Der Automat sollte ursprünglich einen Knopf haben und ein Getränk gratis anbieten. Bei dieser Sitzung standen aber auf einmal mehrere Wahlknöpfe und damit eine Auswahl von mehreren Getränken zur Debatte.

Die “SUZ” soll ausserdem von einem Kunstwirt betreut und bespielt werden. Sein Gehalt und die Mehrkosten für die Kunst sollen über einen Beitrag finanziert werden, der Teil der Mietkosten sein wird. Jeder Mieter der Siedlung wird sich also mit einem Beitrag an der “SUZ” beteiligen. Die Baugenossenschaft gibt zu bedenken, dass der vorgeschlagene Betrag von CHF 20.– bei weitem zu hoch ist. Was die Aufgaben des Kunstwirts sein sollen, blieb indessen eher unklar. Während in früheren Diskussionen die Bewirtschaftung des ungewöhnlichen Trinkbrunnens im Zentrum standen, waren diese nun kein Thema mehr.

Zudem ist ein Manifest geplant, welches im Rahmen von fünf Workshops, welche von den beiden Künstlern geleitet werden, ausgearbeitet werden soll. Die Waffen der Kreativität sollen zu einer sprachlichen Umsetzung und damit in die Sichtbarmachung führen. (Der Satz hat wirklich so gelautet.)

Die Schreibende hätte sich eine Diskussion darüber gewünscht, WER man mit dem ungewöhnlichen Trinkbrunnen in die “SUZ” locken möchte. Stattdessen wurde darüber geredet, wo er sich baulich gut unterbringen liesse. Ausserdem findet die Schreibende, dass es einen Unterschied macht, ob der Automat einen oder mehrere Knöpfe zur Auswahl hat. Wie schon in Blogeinträgen zuvor rät die Schreibende die beiden Künstler zur Reduktion. Weniger Worte können manchmal mehr Wirkung erzielen,zu viele Knöpfe aus einem spannenden Kunstprojekt einen hundsgewöhnlichen Selecta-ungewöhnlicher Trinkbrunnen machen…

Etwas vernünftiges.

Time-Capsule auf dem Hunziker-Areal vergraben

Markierung Time-Capsule

 

Am 16. Juni 2012 hat Philip Matesic in einer Zeitkapsel (Time-Capsule) Erinnerungsstücke an soziale Beziehungen auf dem Hunziker-Areal vergraben. Die Kapsel soll die nächsten Jahrzehnte im Boden bleiben, bis sie bei Umbauarbeiten wieder gefunden und geöffnet werden kann. Erst dann wird sich herausstellen, welche Dokumente und Erinnerungen sich in der Kapsel befinden.

Matesic macht mit diesem Abschluss darauf aufmerksam, wie gewachsene soziale Beziehungen durch Bauvorhaben zerstört und neu geknüpft werden. Gleichzeitig bleibt offen, wie und wo die ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner des Hunziker-Areals verbleiben. Die Zeitkapsel soll als ein verborgenes Denkmal für die Umbruchsituation des Areals erinnern und mit feinem Geschick zeigen, wie brüchig und anfällig soziale Beziehungen sind.

Philip Matesic hat damit sein Langzeitprojekt abgeschlossen, in dem nachbarschaftliche Beziehungen auf und neben dem Hunziker-Areal knüpfte. Mehr zum Verlauf seiner Arbeit und Interventionen finden Sie unter folgenden Links: Vergiss deinen Schirm nicht! und sein Zwischenbericht in Gedichtform.

Weitere Bilder und Informationen finden Sie unter Philip Matesics Website.

Sitzung vom 12. Juni 2012 / Konzept-Präsentation von Atelier für Sonderaufgaben

Am letzten Dienstag fand die Präsentation statt, an welcher das Künstlerteam ‘Atelier für Sonderaufgaben‘, Frank und Patrik Riklin, ihr Konzept für die 2. Phase von “Mehr als Kunst” vorstellten.

Anwesend waren neben Frank und Patrik Riklin, Atelier für Sonderaufgaben, sowie die Mitglieder der Kunstkommission: Peter Schmid, Andreas Hofer, Monika Sprecher, Mirjam Wicki, Charlotte Tschumi, Sabine Frei, Dan Schürch, Philipp Meier und die Schreibende.

Zu Beginn stellten die beiden Künstler sich und einen kleinen Ausschnitt ihrer Arbeit mit diesem Kulturplatz-Beitrag vor. Danach erklärten sie ihre Herangehensweise an Projekte und ihre Einstellung zur eigenen Arbeit. “Wenn wir Kunst am Bau machen, soll es nicht einfach Gestaltung oder Deko sein. Wir wollen einen Diskurs auslösen. Das Atelier für Sonderaufgaben entwickelt sich fortlaufend weiter. Ebenso soll die Intervention eine Sozialdramaturgische Situation provozieren, welche die Menschen die nächsten 30 Jahre lang beschäftigt. Es soll eine Geschichte erzählt werden. Eine Geschichte mit Fortsetzungen.”

Als Unterkunft für diese Visionen haben Frank und Patrik Riklin ein Wort kreiert, welches wegweisend sein soll auch für andere Städte, andere Bauvorhaben. Es heisst “SOZIAL URBAN ZONE” oder kurz “SUZ”  und ist als Gegenreaktion zum Trend von Städten wie St. Gallen gedacht, die ihre Innenstadt in “Sleeping Zones” mit Lärmverbot machen wollen. Anstatt Plätze gegen die Bevölkerung zu “schützen”, soll diese explizit zum Verweilen eingeladen werden. Dafür hat das ‘Atelier für Sonderaufgeben’ eine Idee aus seiner Schublade geholt, welche diese Vision unterstützen soll.

Ein ungewöhnlicher Trinkbrunnen soll künftig an der nördlichen Innenwand des ‘mehr als wohnen’-Pavillions angebracht werden, der von aussen bedient werden kann, indem man eine Tasse oder ein Glas darunter hält. Das Getränk kann nicht ausgewählt werden, es wird ausschliesslich eines angeboten, zB. Kaffee. Und es muss nicht dafür bezahlt werden, mit dem Mitbringen eines Trinkgefässes erhält man es umsonst.

Diese künstlerische Intervention soll dazu führen, dass umliegende Anwohner oder Menschen, die im Quartier arbeiten, sich zum gemeinsamen Kaffee (oder einem anderen Getränk, diese Entscheidung steht noch offen) vor dem Pavillion treffen und ein Austausch entstehen kann. Voraussichtlich soll der Pavillion, der heute die Mitarbeiter der Baugenossenschaft ‘mehr als wohnen’ beherbergt, während der ganzen Bauphase auf dem Hunzikerareal bestehen bleiben und eventuell sogar darüber hinaus. Trotzdem wurde ein Umzug des Automaten in ein zukünftiges Wohnhaus des neuen Quartiers andiskutiert. Die Meinungen darüber gingen stark auseinander. Während einige den Umzug als Chance sehen, haben andere die Befürchtung, dass der ursprüngliche Charakter der Idee verloren gehen könnte. Die Architekten in der Jury brachten den Begriff der ‘Musterwohnung’ ein, welche ebenfalls während dem Bau als Zwischenlösung dient.

Darüber hinaus wollen die Brüder Riklin einen grossen Planschrank, der heute im Pavillion steht und in welchem Baupläne aufbewahrt werden, in eines der neuen Gebäude einmauern lassen. Dieser soll ebenfalls von aussen zugänglich sein und aufgefüllt werden mit Dokumenten. Die Instandhaltung und Kuration des Schranks, sowie des ungewöhnlichen Trinkbrunnens soll ein “Kunstwirt” übernehmen, der in der Genossenschaft wohnt und dafür einen Lohn bezieht. Dieser soll abgedeckt werden über einen Zuschlag auf der Nebenkostenabrechnung der Mieter, welcher als “ID-Faktor” (Identifikations-Faktor) ausgewiesen wird. Dieser Posten auf der Nebenkostenabrechnung der Anwohner soll dazu beitragen, dass die Identifikation mit dem Kunstprojekt gestärkt wird. Während der Projektphase werden die Künstler selber als Kunstwirte agieren und das Projekt betreuen, später soll es selbständig weiter laufen können.

Die Jury hat diese Idee grundsätzlich positiv aufgenommen. Unklar war, inwiefern die Intervention in “Phase III” des Projekts ‘Mehr als Kunst’ eingreifen würde, welche man einem künftigen KünstlerIn/KuratorIn übergeben möchte. (Die Phase II, welche vom Atelier für Sonderaufgaben bespielt wird, umfasst die Phase des Baus bis zur Fertigstellung des Quartiers. Die Phase III die Zeit danach, wenn Mieter die Liegenschaften beziehen.) Zudem wünschten sich einige Jurymitglieder mehr Schärfung dieser künftigen “SOZIAL URBAN ZONE” und bezweifelten damit, dass diese beiden Projekte dafür ausreichen würden. Die Künstler argumentierten dagegen, dass es sinnvoller sei, sich auf wenige Projekte mit Konzentration einzulassen, anstatt die Vision in vielen beliebigen Interventionen zu verwässern. Ebenfalls sprach man darüber, ob diese “SOZIAL URBAN ZONE” sich etablieren und für einen längeren Zeitraum Strahlkraft haben würde. Es wurde darüber philosophiert, ob der ungewöhnliche Trinkbrunnen, über eine erste Phase der Euphorie, nachhaltig Menschen anziehen kann.

Dies alles und mehr wurde anlässlich der etwas mehr als zwei Stunden dauernden Sitzung diskutiert. Vieles, was der Schreibenden durch den Kopf ging (die Schreibende hat in der Jury offiziell keine Stimme und hält sich auch meistens daran), wurde allerdings nicht, oder zu wenig deutlich angesprochen.

So zum Beispiel, dass das vorgeführte Projekt ein gemeinsames Kind vom ‘Atelier für Sonderaufgaben’ und ‘Futurafrosch‘ war. Futurafrosch wird von Sabine Frei in der Jury von ‘Mehr als Kunst’ vertreten. Das Konzept wurde von diesen beiden in ähnlicher Form an anderer Stelle an einem Wettbewerb eingereicht, aber leider nicht angenommen. Sabine Frei war es auch, welche die Riklin Brüder zum Thema machte und diese der Jury für die Phase II vorschlug. Wenn auch Sabine Frei während der endgültigen Abstimmung den Raum verlassen musste, so war doch sie es, die den beiden zu diesem Auftrag über CHF 400’000 verholfen hat. Für die Schreibende, welche für ihre ausgesprochene Sensibilität bekannt ist, grenzt dieses Vorgehen der Künstler an Dreistigkeit, zumal sie den Eindruck hatte, dass es zwischen dem ‘Atelier für Sonderaufgaben’ und ‘Futurafrosch’ nicht abgesprochen war. Zudem wurde dieser Aspekt von Seiten der Künstler erst aufgegriffen, als der Kiefer der Schreibenden lautstark auf der Tischplatte aufschlug. Die Künstler nennen diese Vorgehensweise vermutlich “Ressourcenorientiertes Handeln”. Die Schreibende nennt es fehlende Transparenz und Knappheit an frischer Inspiration. Dabei hatte sie sich genau darauf so sehr gefreut! Schliesslich sind unverbrauchte Lösungen und mutige Denkansätze die Kernkompetenz des ‘Ateliers für Sonderaufgaben’ und die Schreibende ist zuversichtlich, dass es diese auch für “Mehr als Kunst” gibt.  Darum appeliert sie an die kreative Frechheit der Riklin Brothers. Die banale haben sie bereits unter Beweis gestellt.

Ausserdem ist der Schreibenden aufgefallen, dass die Künstler sehr viel geredet haben. Zu viel. So als müsste die Fülle an Wörtern dem Projekt Inhalt verleihen, der ihm sonst abgehen würde. Es entstand der Eindruck, als müssten sich die beiden selber von der Relevanz des Vorschlags überzeugen. Bei Worten verhält es sich allerdings ähnlich wie beim Geld. Ein Zuviel davon führt unweigerlich in die Inflation.

Trotzdem bleibt die Schreibende zuversichtlich und freut sich auf die nächste Sitzung! Im Wissen darum, dass die beiden es besser können!

 

Protokoll der Projektsitzung «Wohnung zu verlosen» vom 28.3.2012

Bilder: Jon Etter