Wohnung zu verlosen – zweiter Akt.

Gestern Abend sassen sich im Veranstaltungsraum “Rosengarten” die Vertreter der Genossenschaft “mehr als Wohnen”, Monika Sprecher und Peter Schmid dem Künstler Felix Eggmann, flankiert von einem tüchtigen Protokollschreiber und einer nicht minder tüchtigeren Juristin, Beatrice Glaser, gegenüber.

Der Anlass war von zwei Hand voll engagierter ZuschauerInnen besucht und die Atmosphäre spannend und angeregt. Es ging darum, die Rahmenbedingungen der Aktion “Wohnung zu verlosen” festzulegen, sowie vertraglich festzuhalten. Diese Kunstaktion befasst sich mit den Regeln der Wohnungsvergabe von Wohngenossenschaften und will durch das Aufbrechen dieser, zum Nachdenken anregen. Alles soll dem Zufall überlassen werden. Die Mieterschaft, aber auch die Dauer des Mietvertrags und sogar die Grösse der Wohnung sollen von einem Computersystem willkürlich verlost werden.

Festgehalten wurde aber in erster Linie an eingefleischten Genossenschafts-Werten wie “Gleichbehandlung” und “Gerechtigkeit”. Es wurde darüber diskutiert, wie man mit einem Zufallssystem die strengen Belegungspläne der Genossenschaft einhalten kann. Die Genossenschaft will keinen Single in einer Fünfzimmerwohnung, aber auch keine Fünfköpfige Familie in einer Zweizimmerwohnung haben. Darum wurden erst diverse Varianten andiskutiert, welche alle an deren Umsetzbarkeit scheiterten. Schliesslich schlug ein motivierter Peter Schmid vor, dass man im Falle einer Unterbelegung dem Mieter eine Frist von zwei Jahren einräumen würde, in welcher er die Mieterschaft “aufstocken” muss. Im Falle einer Überbelegung will man harmonische Familien allerdings nicht zur Scheidung oder zur Adoptionsfreigabe der Kinder zwingen, sondern in nützlicher Frist eine passende Wohnung in der Genossenschaft anbieten. Dieser Vorschlag wurde von beiden Parteien als gangbarer Weg bezeichnet.

Der Künstler und die Juristin hätten gerne etwas an den Genossenschafts-Statuten herum geschraubt, aber dies wurde von einer rigoros kopfschüttelnden Monika Sprecher und einem ebensolchen Peter Schmid kategorisch abgelehnt. Die Statuten einer Baugenossenschaft scheinen eine heilige Kuh zu sein, an welcher nicht gerüttelt werden darf, soviel wurde während der Veranstaltung klar. Anwesend war ebenfalls Charlotte Tschumi von der Jury “Mehr als Kunst”, welche die Perspektive der Künstler vertrat und an die Offenheit der Genossenschaft appellierte.

Ebenfalls klar wurde der Schreibenden auch, dass Felix Eggmann ein bemerkenswerter Künstler, aber leider ein schlechter Verkäufer seines eigenen Projekts ist. Auf viele Fragen der Kommission hatte er keine spontane Antwort, obwohl diese bereits im Vorfeld hätten geklärt werden können. Dafür war seine juristische Vertretung zu jedem Zeitpunkt souverän und konnte ihren Mandanten und dessen Idee elegant um Hindernisse manövrieren.

Diskutiert wurde auch die Laufzeit des Projekts, welche sich auch per Zufall generieren und zwischen 11 und 111 Jahren belaufen soll. Peter Schmid war zwar der Meinung, dass eine Vertraugsdauer von über 100 Jahren als unsittlich gilt, davon hatte die Juristin Beatrice Glaser allerdings noch nie etwas gehört. Eine vorzeitige Kündigung des Kunst-Vertrags zwischen der Genossenschaft und dem Künstler wurde ebenfalls in Betracht gezogen und es fielen Begriffe wie Konventionalstrafe und Vertragsbruch. Diese wurden gleichfalls als unsittlich bezeichnet und durch hübschere Worthülsen ersetzt.

Vier Fazite des Abends:

1. Das Projekt gefällt und hat sehr viel Potential, ist aber bis dato zu wenig durchdacht.

2. Peter Schmid hat eine unversiegbare verbale Quelle, um die er von der Schreibenden sehr bewundert wird.

3. Der Stefan Wagner hat neuerdings eine richtige Frisur.

4. Es ist immer von Vorteil, wenn man eine kompetente, charmante Juristin an seiner Seite hat.

Eine Antwort auf Wohnung zu verlosen – zweiter Akt.

  1. Felix Eggmann sagt:

    Liebe Karin
    Danke für Deinen Beitrag, da gibt es allerdings noch Missverständnisse und Unklarheiten, die ich hier ansatzweise klären möchte. Das Protokoll wird hier später noch gepostet.

    … Rahmenbedingungen …
    Eigentlich ging es konkret um die Aushandlung des Vertrages. Der von mir vorgelegte Vertragsentwurf wurde besprochen und für Unübereinstimmungen Kompromisse bzw. Lösungen gesucht.

    … Aktion … Kunstaktion …
    Ich würde das nicht als eine Aktion bezeichnen, es geht um ein Werk, das auf einem Vertrag beruht. Aktiviert wird es jeweils bei einem Mieterwechsel. Die öffentlichen Veranstaltungen sollen den (Entstehungs-)Prozess aufzeigen.

    … Dauer des Mietvertrags …
    Der Mietvertrag wird durch das Werk nicht beeinträchtigt.

    … die Grösse der Wohnung …
    Es geht darum, um welche Wohnung genau es sich handeln soll. Aus dem Pool der in Frage kommenden Objekten wird vor der Vertragsunterzeichnung eine ausgelost.

    … Computersystem …
    Dabei handelt es sich nicht um ein Computersystem, sondern um eine Applikation bzw. Sotfware zur Unterstützung des Auswahlprozederes, das auf Zufälligkeit beruht.

    … willkürlich …
    Zwischen Zufall und Willkür gibt es einen Unterschied!

    … verlost werden …
    adäquatere Formulierung: bestimmt werden

    Festgehalten wurde aber in erster Linie an eingefleischten Genossenschafts-Werten wie “Gleichbehandlung” und “Gerechtigkeit”.
    Meinst Du seitens Peter Schmid und Monika Sprecher?

    … eine Frist von zwei Jahren …
    Es wurde festgelegt, dass die Länge der Frist ausgewürfelt werden soll: 3 Würfel, pro Auge ein Monat.

    … Der Stefan Wagner hat neuerdings eine richtige Frisur …
    Was ist der Unterschied zwischen richtigen und falschen Frisuren?

    Beste Grüsse
    Felix

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