Sitzung vom 12. Juni 2012 / Konzept-Präsentation von Atelier für Sonderaufgaben

Am letzten Dienstag fand die Präsentation statt, an welcher das Künstlerteam ‘Atelier für Sonderaufgaben‘, Frank und Patrik Riklin, ihr Konzept für die 2. Phase von “Mehr als Kunst” vorstellten.

Anwesend waren neben Frank und Patrik Riklin, Atelier für Sonderaufgaben, sowie die Mitglieder der Kunstkommission: Peter Schmid, Andreas Hofer, Monika Sprecher, Mirjam Wicki, Charlotte Tschumi, Sabine Frei, Dan Schürch, Philipp Meier und die Schreibende.

Zu Beginn stellten die beiden Künstler sich und einen kleinen Ausschnitt ihrer Arbeit mit diesem Kulturplatz-Beitrag vor. Danach erklärten sie ihre Herangehensweise an Projekte und ihre Einstellung zur eigenen Arbeit. “Wenn wir Kunst am Bau machen, soll es nicht einfach Gestaltung oder Deko sein. Wir wollen einen Diskurs auslösen. Das Atelier für Sonderaufgaben entwickelt sich fortlaufend weiter. Ebenso soll die Intervention eine Sozialdramaturgische Situation provozieren, welche die Menschen die nächsten 30 Jahre lang beschäftigt. Es soll eine Geschichte erzählt werden. Eine Geschichte mit Fortsetzungen.”

Als Unterkunft für diese Visionen haben Frank und Patrik Riklin ein Wort kreiert, welches wegweisend sein soll auch für andere Städte, andere Bauvorhaben. Es heisst “SOZIAL URBAN ZONE” oder kurz “SUZ”  und ist als Gegenreaktion zum Trend von Städten wie St. Gallen gedacht, die ihre Innenstadt in “Sleeping Zones” mit Lärmverbot machen wollen. Anstatt Plätze gegen die Bevölkerung zu “schützen”, soll diese explizit zum Verweilen eingeladen werden. Dafür hat das ‘Atelier für Sonderaufgeben’ eine Idee aus seiner Schublade geholt, welche diese Vision unterstützen soll.

Ein ungewöhnlicher Trinkbrunnen soll künftig an der nördlichen Innenwand des ‘mehr als wohnen’-Pavillions angebracht werden, der von aussen bedient werden kann, indem man eine Tasse oder ein Glas darunter hält. Das Getränk kann nicht ausgewählt werden, es wird ausschliesslich eines angeboten, zB. Kaffee. Und es muss nicht dafür bezahlt werden, mit dem Mitbringen eines Trinkgefässes erhält man es umsonst.

Diese künstlerische Intervention soll dazu führen, dass umliegende Anwohner oder Menschen, die im Quartier arbeiten, sich zum gemeinsamen Kaffee (oder einem anderen Getränk, diese Entscheidung steht noch offen) vor dem Pavillion treffen und ein Austausch entstehen kann. Voraussichtlich soll der Pavillion, der heute die Mitarbeiter der Baugenossenschaft ‘mehr als wohnen’ beherbergt, während der ganzen Bauphase auf dem Hunzikerareal bestehen bleiben und eventuell sogar darüber hinaus. Trotzdem wurde ein Umzug des Automaten in ein zukünftiges Wohnhaus des neuen Quartiers andiskutiert. Die Meinungen darüber gingen stark auseinander. Während einige den Umzug als Chance sehen, haben andere die Befürchtung, dass der ursprüngliche Charakter der Idee verloren gehen könnte. Die Architekten in der Jury brachten den Begriff der ‘Musterwohnung’ ein, welche ebenfalls während dem Bau als Zwischenlösung dient.

Darüber hinaus wollen die Brüder Riklin einen grossen Planschrank, der heute im Pavillion steht und in welchem Baupläne aufbewahrt werden, in eines der neuen Gebäude einmauern lassen. Dieser soll ebenfalls von aussen zugänglich sein und aufgefüllt werden mit Dokumenten. Die Instandhaltung und Kuration des Schranks, sowie des ungewöhnlichen Trinkbrunnens soll ein “Kunstwirt” übernehmen, der in der Genossenschaft wohnt und dafür einen Lohn bezieht. Dieser soll abgedeckt werden über einen Zuschlag auf der Nebenkostenabrechnung der Mieter, welcher als “ID-Faktor” (Identifikations-Faktor) ausgewiesen wird. Dieser Posten auf der Nebenkostenabrechnung der Anwohner soll dazu beitragen, dass die Identifikation mit dem Kunstprojekt gestärkt wird. Während der Projektphase werden die Künstler selber als Kunstwirte agieren und das Projekt betreuen, später soll es selbständig weiter laufen können.

Die Jury hat diese Idee grundsätzlich positiv aufgenommen. Unklar war, inwiefern die Intervention in “Phase III” des Projekts ‘Mehr als Kunst’ eingreifen würde, welche man einem künftigen KünstlerIn/KuratorIn übergeben möchte. (Die Phase II, welche vom Atelier für Sonderaufgaben bespielt wird, umfasst die Phase des Baus bis zur Fertigstellung des Quartiers. Die Phase III die Zeit danach, wenn Mieter die Liegenschaften beziehen.) Zudem wünschten sich einige Jurymitglieder mehr Schärfung dieser künftigen “SOZIAL URBAN ZONE” und bezweifelten damit, dass diese beiden Projekte dafür ausreichen würden. Die Künstler argumentierten dagegen, dass es sinnvoller sei, sich auf wenige Projekte mit Konzentration einzulassen, anstatt die Vision in vielen beliebigen Interventionen zu verwässern. Ebenfalls sprach man darüber, ob diese “SOZIAL URBAN ZONE” sich etablieren und für einen längeren Zeitraum Strahlkraft haben würde. Es wurde darüber philosophiert, ob der ungewöhnliche Trinkbrunnen, über eine erste Phase der Euphorie, nachhaltig Menschen anziehen kann.

Dies alles und mehr wurde anlässlich der etwas mehr als zwei Stunden dauernden Sitzung diskutiert. Vieles, was der Schreibenden durch den Kopf ging (die Schreibende hat in der Jury offiziell keine Stimme und hält sich auch meistens daran), wurde allerdings nicht, oder zu wenig deutlich angesprochen.

So zum Beispiel, dass das vorgeführte Projekt ein gemeinsames Kind vom ‘Atelier für Sonderaufgaben’ und ‘Futurafrosch‘ war. Futurafrosch wird von Sabine Frei in der Jury von ‘Mehr als Kunst’ vertreten. Das Konzept wurde von diesen beiden in ähnlicher Form an anderer Stelle an einem Wettbewerb eingereicht, aber leider nicht angenommen. Sabine Frei war es auch, welche die Riklin Brüder zum Thema machte und diese der Jury für die Phase II vorschlug. Wenn auch Sabine Frei während der endgültigen Abstimmung den Raum verlassen musste, so war doch sie es, die den beiden zu diesem Auftrag über CHF 400’000 verholfen hat. Für die Schreibende, welche für ihre ausgesprochene Sensibilität bekannt ist, grenzt dieses Vorgehen der Künstler an Dreistigkeit, zumal sie den Eindruck hatte, dass es zwischen dem ‘Atelier für Sonderaufgaben’ und ‘Futurafrosch’ nicht abgesprochen war. Zudem wurde dieser Aspekt von Seiten der Künstler erst aufgegriffen, als der Kiefer der Schreibenden lautstark auf der Tischplatte aufschlug. Die Künstler nennen diese Vorgehensweise vermutlich “Ressourcenorientiertes Handeln”. Die Schreibende nennt es fehlende Transparenz und Knappheit an frischer Inspiration. Dabei hatte sie sich genau darauf so sehr gefreut! Schliesslich sind unverbrauchte Lösungen und mutige Denkansätze die Kernkompetenz des ‘Ateliers für Sonderaufgaben’ und die Schreibende ist zuversichtlich, dass es diese auch für “Mehr als Kunst” gibt.  Darum appeliert sie an die kreative Frechheit der Riklin Brothers. Die banale haben sie bereits unter Beweis gestellt.

Ausserdem ist der Schreibenden aufgefallen, dass die Künstler sehr viel geredet haben. Zu viel. So als müsste die Fülle an Wörtern dem Projekt Inhalt verleihen, der ihm sonst abgehen würde. Es entstand der Eindruck, als müssten sich die beiden selber von der Relevanz des Vorschlags überzeugen. Bei Worten verhält es sich allerdings ähnlich wie beim Geld. Ein Zuviel davon führt unweigerlich in die Inflation.

Trotzdem bleibt die Schreibende zuversichtlich und freut sich auf die nächste Sitzung! Im Wissen darum, dass die beiden es besser können!

 

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