Time-Capsule auf dem Hunziker-Areal vergraben

Markierung Time-Capsule

 

Am 16. Juni 2012 hat Philip Matesic in einer Zeitkapsel (Time-Capsule) Erinnerungsstücke an soziale Beziehungen auf dem Hunziker-Areal vergraben. Die Kapsel soll die nächsten Jahrzehnte im Boden bleiben, bis sie bei Umbauarbeiten wieder gefunden und geöffnet werden kann. Erst dann wird sich herausstellen, welche Dokumente und Erinnerungen sich in der Kapsel befinden.

Matesic macht mit diesem Abschluss darauf aufmerksam, wie gewachsene soziale Beziehungen durch Bauvorhaben zerstört und neu geknüpft werden. Gleichzeitig bleibt offen, wie und wo die ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner des Hunziker-Areals verbleiben. Die Zeitkapsel soll als ein verborgenes Denkmal für die Umbruchsituation des Areals erinnern und mit feinem Geschick zeigen, wie brüchig und anfällig soziale Beziehungen sind.

Philip Matesic hat damit sein Langzeitprojekt abgeschlossen, in dem nachbarschaftliche Beziehungen auf und neben dem Hunziker-Areal knüpfte. Mehr zum Verlauf seiner Arbeit und Interventionen finden Sie unter folgenden Links: Vergiss deinen Schirm nicht! und sein Zwischenbericht in Gedichtform.

Weitere Bilder und Informationen finden Sie unter Philip Matesics Website.

Protokoll der Projektsitzung «Wohnung zu verlosen» vom 28.3.2012

Bilder: Jon Etter

Wohnung zu verlosen – Verhandlung 2

Mittwoch, 28. März 2012, 19 Uhr
Veranstaltungslokal Rosengarten, Kalkbreitestrasse 2, 8003 Zürich, Haltestelle Kalkbreite

Nachdem der Künstler Felix Eggmann in der ersten Verhandlung des Kunstprojekts „Wohnung zu verlosen“ am 18. Januar einen ersten Vertragsentwurf zur Auslosung einer Wohnung der Geschäftsleitung der Baugenossenschaft mehr als wohnen übergeben hat, tritt nun die „heisse“ Phase der Vertragsverhandlung ein. Wird es Felix Eggmann gelingen, die Geschäftsleitung davon zu überzeugen, dass in Zukunft eine Wohnung der dreizehn zu bauenden Mietshäuser nicht durch „Menschenhand“, sondern durch ein elektronisches System vergeben wird? Nun stehen harte Fakten zur Diskussion. Es diskutieren wiederum die Geschäftsleitung, Felix Eggmann und die Juristin Beatrice Glaser im Lokal der Baugenossenschaft Kalkbreite. Kommen Sie und diskutieren Sie mit.

V.l.n.r.: Kuratorenduo Wagner/Grillo, Felix Eggmann, Geschäftsleitung “mehr als wohnen” Monika Sprecher und Peter Schmid (Foto Jon Etter)

Weitere Informationen finden Sie hier:

http://www.mehralskunst.ch/2011/12/01/wohnung-zu-verlosen
http://www.mehralskunst.ch/2012/01/20/wohnung-zu-verlosen-2

Philips Matesics Beitrag: ein Rückblick

Nachdem Philip Matesic in August 2011 mit der Bewohnerschaft der neben dem Hunziker-Areal liegenden  Siedlung Andreaspark 1 mit seinem Projekt „Vergiss deinen Schirm nicht“ in Kontakt trat (http://www.mehralskunst.ch/2011/12/01/vergiss-deinen-schirm-nicht/), hat er sich mehr und mehr in das Wohn-Netzwerk ums und im Hunziker-Areal eingelebt. Zusammen mit dem Künstler Sivan Kälin, gelang es Philip, die Bewohner des Andreasparks mit derjenigen der Wagenburg, die sich auf dem Zirkusgelände des Hunziker-Areals befindet, zusammen zu bringen. Nach einem gemeinsamen Pizzaessen im benachbarten Restaurant „Bonjour Pizza“ kam es zu einem gemeinsamen Besuch des Stücks Marasa – musirque théâtre im Dezember im Theater Neumarkt. Weil die „Resultate“ dieser Gemeinschaftsbildung privat bleiben, trotzdem aber eine künstlerische Form übernehmen sollten, entschlossen sich Philip und Silvan, zwei Fotos zu schiessen, welche die zwei unterschiedlichen Perspektiven sowie Wohnensformen deutlich machen. Einmal aus dem Fenster des Andreasparks auf die Wagenburg und umgekehrt. Dazu fertigte Philip ein Gedicht an, in dem er sein Vorgehen und Eindrücke zusammenfasste. (http://www.mehralskunst.ch/2012/02/05/zweiter-beitrag-philip-matesic-und-silvan-kalin/)

Über die strengen Wintertage ruhte Philips Arbeit. Philip entschloss sich im Februar, die Arbeit ohne Silvan fortzusetzen. Er schlug seinen neu gewonnenen Bekannten nun vor, die gemachten Erinnerungen an das Areal sowie die neu entstandenen Freundschaften in einer Time-Capsule zu konservieren. Philip wird von April bis Mai Erinnerungsstücke einsammeln und diese in eine in England bestellte Time-Capsule einfügen und mit einer Schweissnaht verschliessen. In Absprache mit Monika Sprecher wird er im Juni die Time-Capsule auf einem von der Bautätigkeit nicht betroffenen Geländeteil vergraben. Dies wird er ohne das Beisein von Öffentlichkeit unternehmen, aber fotografisch festhalten. Was in die Kapsel hineinkommt, wird nicht dokumentiert. Schliesslich wird Philip einen Lageplan anfertigen und mehr als wohnen übergeben, sodass man die Time-Capsule in einigen Jahrzehnten wieder ausgraben kann.

Wir freuen uns sehr, dass Philip Matesic es gelungen ist, einerseits neue Gemeinschaften ums Hunzikerareal zu bilden und diese zu konservieren. Er etabliert damit über diese Konservierung hinaus auf dem Hunziker-Areal eine Gedächtniskultur, die dem Ort über dessen räumliche Struktur eine Bedeutung verleiht. Erzählungen über die Vergangenheit bilden die Grundlage vieler Gemeinschaften. Umso mehr erscheint eine solches Vorgehen in einer Zeit, die durch flüchtige digitale Medien bestimmt ist, geradezu anachronistisch und reizvoll.

Entwurf eines möglichen Kastens für die Time-Capsule

Zweiter Beitrag Philip Matesic und Silvan Kälin

I.
Entering as outsiders simultaneously
enthralled and reserved
not expecting us
but we suspected they
had heard something
missing on a gallery wall
was what we both wanted
a seeing and getting to know
our feelers out mixed with
white smiles!
letting us in bringing
us closer
to what we didn’t know
our intention was were
still, is as we met

II.
Entering again
as outsiders with more of an in
sharing coffee
in frozen-fingered mugs
steam
led from one idea
to another
to a curiosity
to meet with the gazer
gazing over and up
I couldn’t feel my toes
wool hats
pulled over eyebrows
then splitting dark chocolate
waiting anxiously
yet listen
yes meeting those with a view
looking into our living
room, coffee cups empty

III.
Systematically ringing, artists
Perceived more as salesmen
from an invisible behind
sealed doors numbing
in gray stairs and doorbells
chime us out
and for you a pizza party!
but with those unknown
those in your daily look-over
rushing out from behind comes N.
a scented cloud going out
he was all for it and in

IV.
directly to the leather
couch
cold beer clinking
the outside inside-out
empty bottles overflowing
questions
to more questions left unanswered
hopefully to be met
answered in the round

V.
Flaming barrel
before and after
in between courses
questions asked
organically matched
outside a man runs by
in a red shirt
daily occurrences
cracked, taped glass table
corners a clear divide
in age gender
in roofs, a table of seven smiles
gently roaring swallowing
opening and filling
then walk the stairs
up to look out
down to look up

VI.
Mini built-in chimneys
begging for a burn
drink smoking sky
end
a beginning slowly turning,
inside-out outside
we left
knowing the others’ view

-Philip Matesic / 21.12.2011

 

Wohnung zu verlosen – Verhandlung 1

Mittwoch, 18. Januar 2012, 19 Uhr
im «Gemeinschaftsraum Kanzleistrasse»
Seebahnstrasse 201, 8004 Zürich

Mit „Verhandlung 1“ beginnt das von Felix Eggmann für Play-Mobile konzipierte Projekt „Wohnung zu verlosen“. Mit dieser Arbeit wird der Künstler ein Vergabesystem für eine Wohnung der Baugenossenschaft mehr als wohnen einrichten, welches, ganz unabhängig von den üblichen Wohnungsvergabekriterien der Genossenschaften, dem Zufälligkeitsprinzip folgt. Damit thematisiert Eggmann spielerisch die Vergabepolitik von begehrtem genossenschaftlichem Wohnraum in der Stadt Zürich.

In einem ersten öffentlichen Treffen wird Eggmann die von ihm konzipierten Spielregeln für die Vergabe einer Wohnung der Geschäftsleitung von mehr als wohnen (Peter Schmid und Monika Sprecher) vorstellen, um über die Realisierbarkeit des Projektes sowie dessen Bedingungen zu diskutieren.

Das Kuratorenduo Grillo/Wagner wird die erste Sitzung moderieren und mit weiterem Recherchematerial zu Wohnungsvergabepolitik von Genossenschaften unterfüttern. Das Publikum ist herzlich eingeladen an der Verhandlung teilzunehmen und sich an der Diskussion rege zu beteiligen.

LANDBEGEHUNG MIT TRÜFFELHUND

Freitag, 2. Dezember 2011, 13 bis 14 Uhr

 

KRITISCHE BEFRAGUNG

DAS KURATORENDUO IRENE GRILLO UND STEFAN WAGNER IST ZU GAST BEI THEORY TUESDAYS IM CORNER COLLEGE

Dienstag, 6. Dezember 2011, 20 Uhr
Im Corner College, Kochstrasse 1, 8004 Zürich

Das Kuratorenduo Irene Grillo und Stefan Wagner präsentiert die ersten Ergebnisse seiner Arbeit und Recherche im Rahmen der Diskussionsreihe “Theory Tuesdays” im Corner College. Welches Resümee lässt sich nach rund acht Monaten Arbeit auf dem Hunziker-Areal ziehen? Sind die hoch gesteckten Ziele überhaupt zu erreichen?

Zur öffentlichen Veranstaltung sind alle Interessierten herzlich eingeladen, Kommentare, Kritiken oder Vorschläge für das weitere Vorgehen einzubringen.

Link zu Corner College: www.corner-college.com

 

LANDBEGEHUNG MIT EINEM TRÜFFELHUND

RAPHAEL HEFTI – LANDBEGEHUNG MIT EINEM TRÜFFELHUND – TEIL 1.

Freitag, 2. Dezember 2011, 12:30
Hunziker-Areal, Hagenholzstrasse 106, 8050 Zürich

Der zwischen Zürich und London pendelnde Raphael Hefti (*1978) hat als Beitrag für PLAY-MOBILE eine offene Reihe von Experimenten bestimmt. Ganz dem Gedanken der Recherche verpflichtet setzt Hefti nun für seine erste Erforschung auf dem Hunziker-Arel einen Trüffelhund ein, um mit dessen Nase in den Boden hinein zu blicken, ohne aber dessen Oberfläche bei der Suche verletzen zu müssen. Bis heute ist es nicht gelungen, ein technisches Gerät zu konstruieren, das in der Lage ist, Trüffel aufgrund ihres Geruchs zu finden. Eine Hundenase hingegen findet nach einem Training zielsicher die wertvollen Knollen.

Weshalb aber ist Hefti überhaupt auf die Idee gekommen, mit einem Trüffelhund eine Landbegehung vorzunehmen? Das Hunziker-Areal ist ein ehemaliges Riedgebiet, das wie viele andere Landschaften in der Schweiz mit der sich verstärkenden Industrialisierung im 20. Jahrhundert trocken gelegt wurde. Die umliegenden Gebäude wurden anschliessend auf einer aufgeschütteten Ebene errichtet. So auch die still gelegte Betonelementefabrik Hunziker, welche ab den 1950er Jahren bis zur Stilllegung in den 70er Jahren Bauelemente für die Stadt Zürich sowie die Umgebung produzierte. Ein kleiner Flecken Land ist der Aufschüttung entgangen – warum dies so kam ist unklar. Auf diesem kleinen Landstück hat sich der alte Baumbestand erhalten und man kann davon ausgehen, dass zumindest im Boden riedähnliche Strukturen vorhanden sind, die ein Trüffel-Wachstum zulassen. Fände man einen solchen Trüffel bliebe die Frage offen, ob dieser überhaupt essbar wäre, da damit zu rechnen ist, dass der Boden in der Zeit der starken Industrialisierung durch Abwässer mit Giftstoffen belastet worden ist. Ein Fund wäre eine Sensation, die Verwertbarkeit für ein Essen wäre aufgrund der Vorgeschichte des Bodens aber fragwürdig.

Die Konzeption der Landbegehung mit einem Trüffelhund schliesst an Heftis künstlerischem Interesse an, Randphänomene in der Wissenschaft zu untersuchen. Hefti wurde einem grösseren Publikum durch seine Landschaftsfotografie bekannt, die er bei Nacht und Magnesiumbelichtung anfertigte. Vor einem Jahr beschäftigte er sich mit der Phlogiston-Theorie, einer Wissenschaftstheorie des 17. und 18. Jahrhunderts, die durch die Oxidationstheorie widerlegt wurde. Diese führte ihn schliesslich zu einer Sporenart, dem Lycopodium, mit denen er Bilder erstellte. Heftis Arbeiten zeichnen sich durch einen Antagonismus aus, der heutige Wissenschaftsbegriffe mit historischen abgleicht. Es entstehen Kunstwerke, welche Bruchlinien zwischen rationalen und irrationalen Systemen entwerfen und in ihrer Erscheinung durch ihre ästhetische Einfachheit und historische Informationsdichte bestechen.

Webseite des Künstlers: www.raphaelhefti.ch

 

WOHNUNG ZU VERLOSEN

FELIX EGGMANN – WOHNUNG ZU VERLOSEN 
ab Januar 2012

Bild: Entwurf für ein mögliches Inserat

Felix Eggmann (*1977 in St. Gallen) lebt und arbeitet in Zürich. Nach der Ausbildung an der Zürcher Hochschule der Künste im Studienfach Neue Medien (1999-2003) arbeitete er bis 2010 als Assistent an der ZHdK in den Bereichen Generatives Design / Echtzeit Grafik, Interaktive Installation und Creative Computing. Unter dem Label “FLX Labs” erarbeitet er eigene künstlerische Projekte, die oft eine spielerische Form annehmen. Für PLAY-MOBILE wird Felix Eggmann eine neue Arbeit konzipieren, welche die Kriterien der Wohnungsvergabe bzw. die Aufnahmeverfahren von Neu-Mitgliedern in Baugenossenschaften thematisiert.

Mit dem Projekt „Wohnung zu verlosen“ will Eggmann ein System der Mieterwahl einrichten, dass bei der Vermietung einer bestimmten Wohnung in den neuen Bauten auf dem Hunziker-Areal „Soziale Ungerechtigkeit, Verfilzung und menschlichen Irrtum oder Willkür verhindern soll“ (Eggmann). Die Auswahl unter den Bewerberinnen und Bewerbern will der Künstler ganz dem Zufall überlassen. Dafür wird er eine Reihe Spielregeln bestimmen, die das Zufälligkeitsprinzip gewährleisten.

In einem ersten Treffen wird Eggmann die von ihm konzipierten Spielregeln für die Vergabe der ausgewählten Wohnung den Mitgliedern der Geschäftsleitung von mehr als wohnen vorstellen, und mit ihnen über die Realisierbarkeit des Projektes sowie dessen Bedingungen diskutieren. Das Kuratorenduo Grillo/Wagner wird die erste Sitzung moderieren und mit weiterem Recherchematerial zu Wohnungsvergabepolitik von Genossenschaften unterfüttern. In einem zweiten Treffen werden die zwei Parteien über nötige oder mögliche Änderungen in den vom Künstler definierten Spielregeln verhandeln. In einer dritten, feierlichen Veranstaltung werden die verhandelten Spielregeln vertraglich festgelegt. Alle drei Veranstaltungen werden öffentlich sein und werden ab Januar 2012 in Zürich stattfinden.

Die Arbeit, welche auf den ersten Blick die schlichte Form eines trockenen „Vertrages“ zwischen Felix Eggmann und der Baugenossenschaft mehr als wohnen zu haben scheint, überspringt bei einer genaueren Analyse die Idee eines traditionellen Kunst-und-Bau Projektes, ohne diese aber komplett zu verneinen. Ähnlich einer eher konventionellen Arbeit wird das Projekt „Wohnung zu verlosen“ dauerhaft das neue Quartier in Zürich-Leutschenbach prägen und „ausschmücken“. Genau wie diese wird sie ausserdem auch unregelmässige „Unterhaltsarbeiten“ benötigen – hier mehr im Sinne von einem administrativen Aufwand denn als technischer Einsatz von Reinigungs- oder Renovationsteams. Die Unberechenbarkeit und Veränderbarkeit, welche der Arbeit innewohnen, bringen aber eine neue Komponente innerhalb dieses bestens bekannten Schemas: Die Arbeit verändert sich zusammen mit den Menschen, die sie mit jedem MieterInnenwechsel in die Arbeit selbst involviert, und lebt auch von deren Vielfältigkeit und Diversität. Das zufällige Auswahlverfahren sorgt dafür, dass unerwartete und vielleicht auch „nicht ganz passende“ Personen den Zugang zum Mikrokosmos der Baugenossenschaft finden und diesen auf ihrer je eigene Weise beeinflussen.

Webseite des Künstlers: www.flxlabs.org